Music Reviews

Rezensionen

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Ratt - Ratt

Heavy Metal Reviews

Das 1999er Comebackalbum der Glam Metal-Helden RATT trägt schlicht weg den Namen „Ratt“. Genau wie die kultige EP von 1983. Daher wird dieses Album hier gerne auch „1999“ innerhalb von Fankreisen genannt. Musikalisch haben die Releases nämlich auch recht wenig miteinander zu tun. Neun Jahre sind seit dem letzten Werk „Detonator“ vergangen. An die alten Erfolge konnte man nicht anknüpfen, für eine goldene Schallplatte reichte es trotzdem noch. Viel mehr ging aber nicht mehr für RATT - da konnte auch Jon Bon Jovi‘s Gastbeitrag bei Heads I Win, Tail You Lose nicht viel ausrichten. Mit „Ratt“ meldet man sich im alten Line-up zurück. Viele haben sicherlich ein pures Rock‘n‘Roll-Inferno im Stile der ersten beiden Alben „Out Of The Cellar“ oder „Invasion Of Your Privacy“ erwartet. In der Tat klingt die Band um Sänger Stephen Pearcy kurz vor dem Millenium erwachsener, bluesiger und man kann kaum noch Glam Metal raushören. Klar, erwartet man von RATT sicherlich andere Musik. Aber ist „Ratt“ deswegen wirklich ein schlechtes Album? Mit nichten! RATT können noch immer gute Songs schreiben. Man höre nur Tug of War, It Ain‘t Easy, All The Way oder das Blues Rock-lastige We Don‘t Belong. Vom Rock-Klassikern wie Round And Round und You‘re In Love ist das vorliegende Material zwar schon meilenweit entfernt. Der geneigte Fan sollte aber auch bedenken, dass diese Songs schon gut 15 Jahre auf dem Buckel haben und sich die Truppe weiter entwickelt hat. Zwar klang das 2010er Comeback Album „Infestation“ zwar wieder mehr nach klassischen RATT, doch macht vielleicht gerade dies den Reiz am 199er Album aus. Die Band hat sich was getraut und ist nicht auf Nummer sicher gegangen, ähnlich wie die Kollegen POISON („Native Tongue“), WARRANT („Dog Eat Dog“ und „Ultraphobic“) oder etwa BON JOVI („These Days“). Schlecht stand keiner der einstigen Glam Metal.Größen der erwachsenere Sound. Trotzdem: Deswegen wurden sie nicht bekannt. „Ratt“ ist aber trotz allem eine Platte, die jeder Fan im Schrank stehen haben sollte.

Ratt - Detonator

1990 wollen es RATT noch einmal wissen und an ihre alten Erfolge anknüpfen. Um dieses Vorhaben zu verwirklichen holt man sich mit Desmond Child einen Songwriter mit ins Boot, der auch schon BON JOVI und AEROSMITH zu großen Taten verholfen hat. Dabei ist „Detonator“ bei weitem nicht das glatteste Werk der RATT-Diskographie. Schon die ersten Töne vom Shame, Shame, Shame machen deutlich, dass RATT noch immer so herrlich rocken können wie auf ihren ersten beiden Alben. Das darauf folgende Lovin‘ You Is A Dirty Job ist auch direkt der erste Hit. Allerdings wird im mehr als melodischen zweiten Teil des Refrains, Child‘s Handschrift deutlich. Bisher haben RATT selten so melodisch, fast schon dramatisch, geklungen. Dies nimmt im absolut großartigen You‘re Giving Youself Away im späteren Albumverlauf seinen Höhepunkt. Ein absolutes Highlight der RATT-Geschichte! Ebenfalls sehr gelungen ist Heads I Win, Tails You Lose welcher durch Jon Bon Jovi veredelt wird. Top Secret, der Rausschmeißer von „Detonator“, rockt so cool vor sich hin, dass er auch perfekt auf „Invasion Of Your Privacy“ gepasst hätte. „Detonator“ klingt trotz seiner vielen guten Momente etwas düsterer als sonstige RATT-Veröffentlichungen. Doch tut das der guten Leistung nun wirklich keinen Abbruch. „Detonator“ ist eine klasse Platte. Sicherlich steht sie WARRANT‘s „Dog Eat Dog“ näher als „Out Of The Cellar“, dennoch kann niemand bestreiten, dass das fünfte Werk der Glam-Helden ein schlechtes wäre. Es steht noch immer weit vor vielen anderen Releases, die zu der Zeit erschienen sind.

Our Last Night - We Will Evolve

OUR LAST NIGHT stehen ziemlich zwischen den Stühlen. Hier funkeln Metal(core)-Riffs, bevor es punkig zu Gange geht und man dann in Richtung Emo/Screamo ausbricht. Breakdowns fehlen natürlich auch nicht. Früher galt man immer als ein Klon der Vorzeige-Emos von AIDEN, die mit "Nightmare Anatomy" 2006 nun wirklich jedes Klischee mitgenommen haben und dennoch eine der bis heute brauchbarsten Bands den Genres darstellt. Davon konnten OUR LAST NIGHT bisher nur träumen. Viel Beachtung wurde der Band nicht geschenkt die letzten Jahre. Immer standen sie im Schatten anderer Bands, die die Szene hochjubelte. Dies liegt sicherlich an den fehlenden richtig großen Ohrwürmern. Denn diese fehlen auch auf "We Will All Evolve". Man schmeichelt dem Hörer zu sehr. Ecken und Kanten bietet man selten. In den besten harten Momenten erinnert man zwar schon fast an alte BULLET FOR MY VALENTINE, in manchen dafür aber schon fast an BILLY TALENT, was schon ein Minuspunkt ist. Doch OUR LAST NIGHT finden immer wieder die Balance zwischen diesen beiden Polen. Es gibt kaum einen Ausbruch oder ein Experiment, wo man einfach wild drauf los spielt und nicht weiß, was am Ende bei rauskommt. Gut, das machen sicherlich nicht viele Bands, aber z.B. AIDEN bieten auf jeder Platte einen neuen Sound und überraschen den Hörer. OUR LAST NIGHT sollten zumindest versuchen ein oder zwei zwingendere Songs zu schreiben, die sich tief in die Gehörgänge graben.
Immerhin ist "We Will All Evolve" keine schlechte Platte. Fans der genannten Bands sollten ein Ohr in das Album riskieren. Zwar fehlt der Band noch der ein oder andere entscheidene Hit, dennoch erfüllt man den Szene-Standard.

Bon Jovi - Greatest Hits

Mal ganz ehrlich: BON JOVI sind seit den späten 90ern eher etwas für Hausfrauen, als für den coolen Rocker von nebenan. Die Alben bis THESE DAYS kann man unbesorgt im Schrank stehen haben, ohne sich wirklich zu schämen. Bei den Nachfolgern und erhöhtem Weichspüler-Grad muss jeder selbst entscheiden, allerdings sind die Vier immer für ein paar ordentliche Songs gut. Nach zehn Studioalben ist es also Zeit für ein neues Best-Of der New Jersey Rocker. Dieses gibt es direkt in drei Versionen. Version Nummer 1 ist eine CD mit 14 Klassikern und neueren Hits, samt zwei neuen Songs. Die Deluxe Edition bietet eine weitere CD mit dem Besten der Band und direkt noch mal zwei neue Tracks (also insgesamt vier Mal etwas Neues zum Hören). Zu guter letzt erscheint "Greatest Hits" noch als DVD mit 16 Clips und 17 weiteren Live-Stücken. Zum Rezensieren liegt mir leider nur die normale Version vor. Und diese fängt direkt dermaßen stark an, dass sie nur noch qualitativ abnehmen kann: mit 'Livin' On A Prayer' und 'You Give Love A Bad Name', den besten BON JOVI-Liedern überhaupt. Doch findet sich hier auch fast alles Wichtige, was man von der Band braucht. Das großartige 'In These Arms', dessen Refrain eine absolute Granate ist, befindet sich ebenfalls auf dieser Compilation. Genau wie der Dorf-Disko-Kracher 'It's My Life', welcher nicht nur Ü-30-Parties in Gang bringt, sondern auch die erfolgreichste Single der Bandgeschichte in Deutschland ist. Natürlich fehlt auch der Schmachtfetzen 'Always' genauso wenig wie 'Bed Of Roses' oder 'Wanted Dead Or Alive'. Als Randnotiz sei angemerkt, dass die allerbeste Ballade der Band das vollkommen unterbewertete 'I Want You' von "Keep The Faith" ist.
Auch von den neueren, Mainstream-orientierteren Alben ist einiges dabei. Neben 'It's My Life' gibt es unter anderem die Ohrwürmer 'Have A Nice Day' oder 'We Aren't Born To Follow'. Songs von "Lost Highway" findet man leider keinen einzigen auf der normalen Version von "Greatest Hits". Die beiden neuen Songs können sich auch sehen lassen. 'What Do You Got?' ist eine gute Mid-Tempo-Nummer in der Tradition von 'Say It Isn't So' oder 'Misunderstood', welche also vor allem beim Refrain vollkommen überzeugt. 'No Apologies' fängt zwar erst an wie eine hippe TIMBALAND-Produktion, mausert sich dann allerdings zu einem ziemlich vielseitigen Song, der einen nicht enttäuscht. An Klassikern ist eigentlich fast alles, was man kennen muss, vorhanden. Klar fehlen 'Runaway', 'Keep The Faith' oder das neuere 'Everyday'. Wer allerdings so "tief" in die BON JOVI-Historie eintauchen will, sollte besser zur Deluxe Edition greifen. Für Neulinge lohnt sich die Anschaffung allemal. Obwohl der direkte Griff zu "Slippery When Wet" und "Keep The Faith" stilsicherer ist.


Text © by Sebastian Berning