Music Reviews

Rezensionen

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Touché Amoré - Is Survived By

Touché Amoré - Is Survived By

TOUCHÉ AMORÉ war so ziemlich der Hype im melodischen Hardcore-Bereich 2011/2012. Das zweite Album "Parting The Sea Between Brightness And Me" schlug ein wie eine Bombe. Der Mix aus Hardcore, 90er Screamo und Melodie kam mehr als gut an und zeigte eine hoch emotionale Band, die zwar hart kann, aber nicht auf hart machen muss. Dazu kamen die sehr ehrlichen, eher depressiven Texte von Sänger Jeremy. Dieser wirkt nun gut zwei Jahre später auf "Is Survived By" besser gestimmt. Ist das denn auch das Ende des Erfolgrezepts?
Wie gesagt ist die Grundstimmung der Lyrics positiver als zuvor. Auch die Musik passt sich dieser Entwicklung an. Zwar erkennt man noch immer, dass es sich um TOUCHÉ AMORÉ handelt. Der melodische Mix aus Screamo und Hardcore ist einfach unverkennbar. Besonders bei Nummern wie 'Just Exist', 'To Write Content', 'Harbor' und dem Titeltrack 'Is Survived By' kann man sich ein Grinsen auf dem Gesicht nicht verkneifen. Allerdings muss ich auch sagen, dass mich das, wenn auch sehr gute, Material nicht mehr ganz so packen kann, wie der Vorgänger. Mir fehlt die Verzweiflung in manchen Songs. Es ist allerdings auch eine schwere Aufgabe, den bekannten Stil in ein etwas positiveres Gewand zu hüllen. Aber man muss der Band auf der anderen Seite auch zu Gute halten, dass sie sich nicht verbiegt, sondern weiterhin ehrlich ist.
"Is Survived By" wird von der Szene sicherlich wieder euphorisch aufgenommen werden. Mir selbst ging der Vorgänger etwas besser ins Ohr und hatte definitiv mehr Hits zu bieten. TOUCHÉ AMORÉ kann man allerdings keinen kreativen Stillstand vorwerfen oder dass sie ein schlechtes Album veröffentlicht haben. Es sind meinerseits aber nur ganz knappe 8 von 10 Punkten.

Balance And Composure - The Things We Think We‘re Missing

Na, mal sehen was ich mir hier wieder habe aufbinden lassen. Ich habe BALANCE AND COMPOSURE einmal im Vorprogramm der Kollegen TITLE FIGHT live erleben dürfen. Damals kannte ich die Band nicht und wollte anschließend nicht viel mit ihnen zu tun haben. Brachial, dröhnend und viel zu langsam, so kam mir das Live gebotene Material vor. Mit "The Things We Think We're Missing" halte ich nun das neuste Album der Gruppe in den Händen.
Schon der Opener überrascht! 'Parachutes' ist brachial, aber melodisch. Entweder hat diese Band kompositorisch einen riesigen Sprung nach vorne gemacht oder der Sound beim Konzert wurde einfach schlecht abgemischt. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern Melodien gehört zu haben. Was mir allerdings vertraut ist, ist dass sich das Tempo der Nummern in der Tat eher im Midtempo einpendelt - TITLE FIGHT in langsamer sozusagen oder Punk Rock 2.0 oder wie man die Musik von BALANCE AND COMPOSURE und Kollegen nennen will. Im Grunde werden Hardcore, Punk Rock, Grunge und 90er Jahre Emo (TEXAS IS THE REASON und MINERAL seien hier als Referenzen genannt) in einen Topf geschmissen und vermischt.
Erstaunlicherweise kann mich das gesamte Werk der Amerikaner überzeugen. Sicherlich findet man hier keine Lebens bejahende Musik, allerdings erinnert mich vieles an eine härtere Version von "The Devil And God Are Raging Inside Me", dem Meisterwerk von BRAND NEW. Knackpunkt an "The Things We Think We're Missing" ist allerdings die relativ lange Spielzeit von 48 Minuten. Wenn ich an das aktuelle TITLE FIGHT-Album "Floral Green" denke, welches einen ähnlichen Stil verkörpert, besticht dieses gerade durch die geringere Spielzeit von 33 Minuten. Ein, zwei Nummern weniger hätten BALANCE AND COMPOSURE sicherlich nicht geschadet. Was man allerdings sagen muss ist, dass Die Gruppe es schafft durch alle dreizehn Nummern einen roten Faden zu ziehen. Jede Komposition passt in den Albumverlauf und nimmt die düster-melancholische Grundstimmung auf.
"The Things We Think We're Missing" hat mich mehr als positiv überraschen können. Was live vor gut zwei Jahren total langweilig klang, klingt 2013 auf Platte richtig gut. BALANCE AND COMPOSURE liefert interessante Nummern, die sogar Spaß machen und sich in den Gehörgängen festsetzen können. Besonders 'Tiny Raindrops' ist ein erstklassiger Track, den sich Interessierte auf jeden Fall anhören sollten.

Arctic Monkeys - AM

Die ARCTIC MONKEYS, die fetzige und tanzbare Indie-Rock-Nummern geschrieben haben sind tot. Das sollte so langsam jedem klar sein. "Humbug", die Platte, die die Veränderung einleutete, ist bei Weitem nicht so schlecht, wie sie gerne gemeint wird. Das letzte Werk "Suck It And See" zeigte auch keine Rückbesinnung zum alten Sound, dafür zeigte es ein Ausbleiben von Ohrwürmern. "AM" schlägt schon eher die Brücke, klingt gleichzeitig aber ganz anders als alle ARCTIC MONKEYS-Platten zuvor.
Der neue Sound kommt besonders von dem sehr eleganten Gitarrensound. Verrucht und sexy klingen die zwölf neuen Kompositionen von Alex Turner und Co. Gleichzeitig gibt man sich bei 'R U Mine?', 'Do I Wanna Know?' oder 'Knee Socks' wieder etwas tanzbarer. Bei Weitem kommt man nicht an den Tanzfaktor von alten Krachern wie 'I Bet You Look Good On The Dancefloor' heran, doch war mir das Debüt eh immer überbewertet und kam nie an die nachfolgenden Alben heran.
"AM" zeigt die ARCITC MONKEYS also von ihrer besten Seite. Die Nummern sind etwas düsterer und schreien nach dem Schlafzimmer. Wirklich keiner der Tracks scheint im Niveau abzufallen, dafür sind einige neue Hits dabei. 'Do I Wanna Know?', 'Why Do You Only Call Me When You're High?' oder 'Snap Out Of It' sind wahre Ohrwürmer, die einen so schnell nicht mehr loslassen. Es ist den ARCTIC MONKEYS gelungen eine Mischung aus "Favourite Worst Nightmare" und "Humbug" zu schaffen, diese aber komplett neu zu interpretieren. "AM" stellt den Vorgänger "Suck It And See" mehr als locker in den Schatten. Endlich hat es die Band wieder geschafft packende Ohrwürmer zu schreiben, denn diese haben mir auf dem Vorgänger gefehlt. Zu wenig blieb im Kopf hängen, nun bleibt aber so ziemlich alles schnell in den Gehörgängen verankert.
"AM" gehört mit zum Besten was die ARCTIC MONKEYS geschaffen haben. Ob diese Band allerdings wirklich die neuen PINK FLOYD sind, so wie BRING ME THE HORIZON-Frontmann Oliver Sykes einst sagte, bezweifle ich doch stark. Aber die stetige Entwicklung kann man den Briten nicht absprechen. Für mich ist "AM" das zweitbeste Werk der Truppe nach "Humbug". Hier sollte kein Fan enttäuscht sein!

Mayday Parade - Monsters In The Closet

Seit Jahren liefert MAYDAY PARADE bittersüße Songs für US-Teenager-Dramen. Über drei Alben und zwei EPs hat die Truppe ihre Herzschmerzsongs bereits gezogen. Auch das vierte Album "Monsters In The Closet" wird von diesem Weg nicht abweichen.
Das Debüt "A Lesson In Romantics" war die perfekte Mischung aus FALL OUT BOY und TAKING BACK SUNDAY. Große Melodien, hoch emotional vorgetragen und dennoch genug Pfiff, um nicht nur 15-jährigen Mädchen zu gefallen. Leider verabschiedete sich Hauptsongschreiber/Gitarrist/Co-Sänger Jason Lancester schnell nach der Veröffentlichung und ließ die Band zurück. Der Nachfolger "Anywhere But Here" zeigte die Band schon zahnloser, aber noch immer mit einem Gespür für große Melodien. Als mit 'Oh Well, Oh Well' zwei Jahre später die erste Single aus dem Nachfolger "Mayday Parade" veröffentlicht wurde, hatte ich schon Hoffnung, dass die Herren wieder etwas mehr Pop Punk und Tempo auf den Tisch legen würde. Doch auch hier zeigte man sich großteils zahnlos, aber noch immer mit einem Gespür für große Melodien.
'Ghosts', die erste Singleauskopplung von "Monsters In The Closet", hat mir dann nicht wirklich gefallen wollen. Es gibt keinen richtigen Refrain und irgendwie scheint man MY CHEMICAL ROMANCEs "The Black Parade" ein paar Mal gehört zu haben und versucht einen vielschichtigen und doch rockigen Song zu präsentieren. Leider kann mich der Track, der gleichzeitig Opener des Werks ist, noch immer nicht überzeugen. Es will einfach nichts hängen bleiben und das "rockige", leicht chaotische Gitarrensolo hätte man auch weglassen können. Glücklicherweise ist der Rest des Albums wesentlich besser. Zwar bewegt man sich erneut im eher zahnlosen Teenager-Drama-Soundtrack, findet aber besonders in der ersten Albumhälfte tolle Melodien. Das ist genau der Soundtrack für Serien wie "Gossip Girl", "Vampire Diaries" oder sonst eine Teenie-Serie. Herzschmerzmelodien und dennoch rockig.
Im direkten Vergleich zu "Mayday Parade" hat man bei "Monsters In The Closet" nur wenig verändert. Mal leicht rockiger, stets gerne mit viel Pathos und Melodramatik. 'Girls' ist eine nette Pop-Punk-Nummer, von denen MAYDAY PARADE mittlerweile einfach zu wenige schreibt. Mit '12 Through 15' oder 'Last Night For A Table For Two' sind weitere Granaten enthalten. Die zweite Hälfte fällt im Vergleich zur Ersten leider etwas ab, kann mit 'Sorry, Not Sorry' und dem etwas flotteren 'Demons' punkten.
Trotz kreativem Stillstand kann MAYDAY PARADE mal wieder elf von zwölf Topnummern vorweisen. Kein Fan sollte sich beschweren können. Die Band hat ihren Stil seit drei Alben stets verfeinert aber nur selten groß verändert. "A Lesson In Romantics" bleibt weiterhin unerreicht, doch tut das der Klasse von "Monsters In The Closet" wahrlich keinen Abbruch.

Oceano - Incisions

Ich bin immer wieder überrascht, dass sich Deathcore irgendwie am leben hält. Der große Boom blieb bis auf drei, vier Bands immer aus, aber dennoch kamen immer wieder neue Gurkentruppen hervor. Hauptsache brutal, Hauptsache technisch und bloß keine Melodie oder Refrains. Mit DESPISED ICON und SUICIDE SILENCE ist in dem Genre schon alles gesagt - und in den beiden Fällen ist das noch nicht mal viel. OCEANO ist auch eine der Bands, deren Namen man immer mal wieder weiter unten auf Tourplakaten lesen kann. Ich bin gespannt, was das neue Album der Amis zu bieten hat.
Nun, "Incisions" bietet sicherlich nichts, was dieses recht einförmige Genre nicht schon geboten hat. Was OCEANO aber hilft, ist die gute Vocalarbeit von Sänger Adam Warren. Der Druck, der hinter seiner Stimme sitzt, wertet das eher passable Songwriting auf. Sonst gibt es halt Breakdowns, Death-Metal-Parts und wenig Melodie vermischt mit dem ein oder anderen technischeren Teil. Generell gilt aber das altbewährte Motto, dass stumpf eben Trumpf ist.
Und so prügeln sich die Jungs von OCEANO durch ihre zwölf neuen Kompositionen, ohne irgendwie den ein oder anderen "Aha!"-Moment liefern zu können. Dabei ist dieser bei so extremer Musik ziemlich wichtig - zumindest für jemanden, der etwas mehr als 40 Minuten lang Doublebass, Breakdowns und Krawall. Genau darin liegt auch der Grund, warum diese Band auf großen Touren immer wieder im unteren Drittel landet: Diese Musik spricht nur ein Nischenpublikum an, die Kids im Pit, denen der Breakdown wichtiger als der Song ist.
Wer sich angesprochen fühlt von der obrigen Beschreibung, der wird mit "Incisions" und OCEANO wirklich viel Freude habe. Für den durchschnittlichen Metalcore- und Metal-Fan ist diese Band nur mit Vorsicht zu empfehlen. Mir persönlich gibt dieses eher eindimensionale Songwriting leider nur wenig.



Text © by Sebastian Berning