Music Reviews

Rezensionen

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Reckless Love - Spirit

Reckless Love - Spirit

Skandinavien ist bekannt für erstklassige Sleaze-Bands wie CRASHDIET, HARDCORE SUPERSTAR oder VAINS OF JENNA, doch auch poppigen Glam Metal kann die Region bieten. Die Finnen von RECKLESS LOVE gehören mit zum Besten, was der weltweite Glam-Nachwuchs zu bieten hat. Pop und dennoch coole Riffs irgendwo zwischen POISON und WARRANT gab es auf dem selbstbetitelten Debüt zu hören. Das 2011er "Animal Attraction" orientierte sich dafür etwas mehr an DEF LEPPARD und deren 1987er Meisterwerk "Hysteria". Also Pop-Songs im ordentlichen Gitarren-Gewand. "Spirit" wird die Band erneut von einer anderen Seite zeigen. Die erste Single, 'Night On Fire', wusste mich zwar mit seinem Jungle-Vibe und super eingängigen Refrain zu überzeugen, doch kam in mir auch die Befürchtung auf, dass RECKLESS LOVE sich nun vollkommen dem Pop zuwendet. "Spirit" überrascht allerdings damit, dass die Band wieder etwas Gitarren-orientierter zu Werke geht. Man nehme nur einmal 'I Love Heavy Metal', 'Favourite Flavor' oder 'Metal Ass' die durch ihren rockigen Charakter überzeugen. 'Runaway Love' und 'Sex, Drugs & Reckless Love' bieten dafür wieder poppigen Party-Rock wie man ihn vom erstklassigen "Animal Attraction" kennt.
"Spirit" lebt von der Balance zwischen coolen Glam-Metal-Nummern und der poppigen Seite der Truppe um Sänger Oli Hermann. Dieser zeigt sich auf dem dritten Album seiner Band so vielseitig wie noch nie. Verschiedene Tonlagen meistert die finnische Version des jungen Bret Michaels spielend. Der Refrain von 'Runaway Love' gehört mit zum Besten, was der Finne je eingesungen hat. Auch gefühlvollere Nummern wie die Power-Ballade 'Edge Of Our Dreams' beweist, dass Hermann nicht nur durch seine hohe Kopfstimme überzeugen kann.
So wirklich weiß ich "Spirit" allerdings (noch) nicht in der RECKLESS LOVE-Diskographie unterzuordnen. Keine Frage, bis auf das abschließende 'Not Rain' kann jeder der elf Tracks überzeugen. Aber an die Klasse von "Animal Attraction" kommt man nicht ganz heran und irgendwie fehlen auch ein oder zwei Übersongs wie 'Born To Rock' oder 'One More Time' vom Debüt. Da können nicht mal Topsongs wie 'So Happy I Could Die', 'Night On Fire' oder 'Runaway Love' mithalten. Auf dem absteigenden Ast befindet sich RECKLESS LOVE dennoch auf keinen Fall. Wieder einmal hat die Band sich weiterentwickelt und einen Haufen erstklassige Nummern geschrieben. Kein Fan sollte enttäuscht sein, nachdem er "Spirit" gehört hat. Viel eher sollte man einige neue Fans dazu gewinnen können, da sich die Truppe etwas reifer zeigt ohne ihre Glam-Wurzeln zu vergessen.


Transplants - In A Warzone

TRANSPLANTS' wichtigste Mitglieder sind mit Sicherheit RANCID-Sänger Tim Armstrong sowie BLINK-182-Drummer Travis Barker. Und genau diese versuchen möglichst weit von dem Sound ihrer Hauptbrötchengeber weg zu kommen. Bei den TRANSPLANTS wurde Punk bisher mit Funk, Hip Hop und elektronischen Versatzstücken angereichert. "In A Warzone" zeigt das Nebenprojekt der beiden Punk-Stars von einer etwas anderen Seite. Wenn man gemein sein will, könnte man durchaus sagen, dass das TRANSPLANTS-Album wie B-Seiten von RANCID klingt. Wirklich viel unterscheidet das Material von "In A Warzone" nicht von Armstrongs Hauptbeschäftigung. Zwar sind noch immer die gleichen Einflüsse vorhanden wie auch auf dem letzten TRANSPLANTS-Album, dem 2005er "Haunted Cities", kommen diese aber nun in einer etwas zurück geschraubten Form vor. Besonders die nach vorne drückenden Punk-Nummern wie 'In A Warzone', 'See To Believe It' oder aber 'Any of Them' machen Spaß. Mit dem Gerappe vom 'Something's Different' kann ich persönlich aber nichts anfangen. Hier nehmen die Punk-fernen Einflüsse überhand, ohne wirklich interessant zu klingen. Auch wenn die Band bei 'Gravestones and Burial Plots' auf einmal die Metal-Keule schwingt, kommt nur wenig bei mir rüber. Es fehlt vielen Songs etwas an Substanz und man könnte meinen, dass oft nur Part an Part geklatscht wird ohne das Gesamtbild im Auge zu behalten. Viele Momente wirken einfach deplatziert, wie die fern-östlichen anmutenden Sounds von 'It's A Problem', die mit Rap-Vocals kombiniert werden. Wer braucht so etwas?!
Die Musiker sollten wirklich bei ihren Hauptbands bleiben. Spätestens dieses TRANSPLANTS-Album beweist, dass die Welt Barkers und Armstrongs gemeinsames Nebenprojekt nicht braucht. Obwohl der Großteil des Songmaterials sicherlich den ein oder anderen RANCID-Die-Hard-Fan überzeugen könnte.


Text © by Sebastian Berning


IN SOLITUDE – Sister

Die Metal- und die Gothic-Szene lebten in den späten 80er Jahren parallel vor sich hin. Zwar schaute hier mal ein THE CULT-Anhänger bei einem Metal-Konzert vorbei, und dort konnte sich ein SLAYER-Fan auch mal für die SISTERS OF MERCY begeistern, auf die Idee, beide Szenen miteinander zu kreuzen, kam aber irgendwie niemand, zumindest niemand, der musikalische Nachhaltigkeit zu bieten gehabt hätte. IN SOLITUDE aus Schweden liefern nun sozusagen nachträglich das, was damals keiner so wirklich auf der Rechnung hatte, lassen zwar die Ideologien im engen Sinne außen vor, schaffen es aber in der Tat, nach der New Wave Of British Heavy Metal und der First-Wave-Of-Gothic-Rock gleichermaßen zu klingen. Sänger Pelle Ahman klingt mal nach Ian Astbury, mal nach King Diamond in dessen mittlerer Tonlage, und er schafft es sogar, der beschwörend-düsteren Stimmlage von Carl McCoy (FIELDS OF THE NEPHILIM) mitunter nahe zu kommen. An exakt diese Band erinnern dann auch die atmosphärischen Parts, die in Songs wie “Death Knows Where“ oder “Horses In The Ground“ eine wichtige Rolle einnehmen.
Die Gitarristen toben sich in gewohnter Manier gerne zweistimmig aus, hier entsteht der größte Bezug zum klassischen Metal, ein Element, dass sich IN SOLITUDE von ihren noch deutlich traditioneller klingenden Vorgängeralben bewahrt haben. Das gilt auch für einen Teil ihres kompositorischen Ansatzes, der immer zwischen dem pendelt, was die Band bisher als Vorreiter einer neuen klassischen Bewegung auszeichnete, und dem düsteren Anteil, der aus den acht Songs von “Sister“ eine Rarität macht. Musik, bei der man das Gefühl hat, dass sie erst in ein paar Jahren den Status innehaben wird, der ihr zusteht.
Soundtechnisch klingt “Sister“ exakt so, wie es muss: Analog, echt, ungekünstelt, jedes Instrument ist deutlich zu vernehmen, trotzdem hat das Endprodukt genug Wucht, um von vorne bis hinten als Metal-Album durchzugehen, und IN SOLITUDE machen nicht den Fehler, die Retro-Schublade allzu offensichtlich zu bedienen. Mit “Sister“ liegen die Schweden im eigentlich sehr breiten Feld zwischen 80er-Atmosphäre und neuzeitlicher Aufbruchstimmung, sind spätestens jetzt aus hunderten andererer Bands herauszuhören – und werden wohl genau deshalb auch einige Anhänger erstmal überfordern. Diese Musik setzt - intensive Auseinandersetzung vorausgesetzt – Maßstäbe. Und es begiestert über all dies mit mitreißenden Hooklines. Kurz gesagt: Alles richtig gemacht.

CARCASS – Surgical Steel

Manchmal, wenn Legenden zurückkehren, ist außer Vorschusslorbeeren nicht viel Substanz zu erkennen. Wenn die Zeit abgelaufen ist, dann nützt auch ein kleines Aufbäumen nichts mehr, der Nachwuchs hat längst den Status eingenommen, den man vor einigen Jahren selbst noch innehatte. Manchmal, wenn eine Legende nach 17 Jahren Abstinenz wieder auftaucht, dann ist das Ergebnis aber ganz anders. Diese Momente gibt es, und im Falle der britsichen Extreme Metaller CARCASS liegt uns ein solcher nun vor. “Surgical Steel“ ist das erste Album der Band seit fast zwei Dekaden, die mit ausufernden, krank anmutenden Krach-Eskapaden Geschichte geschrieben hat, und trotz diverser “Heartwork“-Anleihen ist die Scheibe nichts Anderes als eine Messlatte für tausender extremer Bands. Bill Steers unheimlich sägender Gitarrensound, Jeff Walkers amtliches Gekeife und vor Allem das durchweg grandiose Songwriting heben “Surgical Steel“ auf eine Stufe, die von nur wenigen Bands überhaupt gestreift wird.
Was CARCASS trotz jahrzehnterlanger Musikgeschichte an Ideen verarbeiten, will von der Konkurrenz erstmal getoppt werden. Irgendwo im weiten Feld zwischen technischem Death Metal, Thrash der alten Schule und zeitgemäßem Lärm wechseln sich auf dem Album Geschwindigkeit und Groove ab, wobei besonders durch die erstklassigen Soloparts immer auch ein gehöriges Stück Melodie durchschimmert. CARCASS grasen das Spektrum der ganz harten Welt gnadenlos ab, bieten mit dem anspruchsvollen “Mount Of Execution“, den präzise auf den Punkt kommenden Geschossen “Captive Blood Pistol“ und “Thrasher's Abbotoir“ und den immer wieder traditionelle Werte zitierenden, höchst abwechslungsreichen Folterwerkzeugen “The Granulating Dark Satanic Mills“ und “Noncompliance To Astm F899-12 Standard“ eine ganze Riege von Highlights. Das Songwriting ist zu keiner Sekunde vorhersehbar und immer auf höchstem Niveau, und Wut, Angriffslust und Zorn sind in jeder Sekunde dieses Albums als Eckpfeiler des höchst energiegeladenen Sounds zu vernehmen. Manchmal, wenn Legenden zurückkehren, entsteht dabei nichts weniger als ein Meilenstein.

PEARL JAM Lightning Bolt

Die Konstanz, die PERL JAM auch noch dem Ableben des Grunge in musikalischer Hinsicht vorzuweisen haben, ist bemerkenswert. Um die Jahrtausendwende herum waren die Alben nicht ganz so herausragend, aber weit weg von schlecht und überholt, und spätestens seit der letzten Scheibe “Backspacer“ haben sie wieder ein deutliches Stück Frühneunziger-Flair in ihren Songs. Eddie Vedder und Co. sind aber älter geworden, reifer, lassen sich nicht mehr von jedem emotionalen Tief aus der Bahn werfen. “I've found my place and it's alright“ singt Eddie bespielsweise im Opener “Getaway“, und es ist ein Ankommen, dass man freudig abnickt. Wer anno 1992 zu “Black“ oder “Indifference“ dem Depressionskoller verfallen war, der geht den Weg den PEARL JAM nun einschlagen, gerne mit: Noch immer ist nicht jeder Augenblick des Lebens die reine Erfüllung, aber das Licht ist viel größer als der Schatten – und viel öfter zu sehen.
Musikalisch legen PEARL JAM ihr abwechslungsreichstes Album seit Langem vor, und womöglich ihr bestes seit “Vitolagy“ von 1994. Jeder der vier Songwriter (plus Drummer) sorgt mit seinem eigenen Stil für Vielseitigkeit. Vielleicht wird man das eine oder andere Experiment nicht genauso gut finden, wie die anderen auf dem Album, einen schwachen Song allerdings wird man nicht entdecken. “Sirens“ ist mit seiner beschwingten Nachdenklichkeit ein Hit für Millionen, im Titelsong wütet Eddie Vedder wie seit vielen Jahren nicht mehr. Der grandiose, halbakustische Albumabschluss “Future Days“ gehört zu den ganz großen balladesken Rock-Momenten des Jahres, bei “Mind Your Manners “ tobt der Punk-Mob, und warum auch Bands wie The Gaslight Anthem von PEARL JAM beeinflusst sind, hört man bei den leicht melancholischen, aber nie einschläfernden “Infallable“ und Swallowed Whole“.
Weil PEAL JAM wissen, dass Integrität Teil der Glaubwürdigkeit ist, weil sie immer noch ehrlich, authentisch und emotional erscheinen und weil sie mit dem Herzen bei der Sache sind, ist “Lightning Bolt“ erneut ein rundum überzeugendes Werk. Dass die Gitarristen herausragende Musiker sind, die die Songs mit ihrem ureigenen Stil prägen, darf nicht unerwähnt bleiben, ist aber bei diesem Ruf keine Überraschung.

FATES WARNING – DARKNESS IN A DIFFERENT LIGHT

Die fast zehnjährige Pause, die seit dem letzten FATES WARNING-Album entstanden ist, hatte verhältnismäßig einfache Gründe. Kein Bandsplit, keine Krise, es ist schlicht die Zeit, die Gitarrist/Songwriter Jim Matheos dank seiner zahlreichen Aktivitäten gefehlt hat. Dass “Darkness In A Different Light“ ein durchweg erstklassiges Album geworden ist, spricht für die Brillanz der Musiker, die zwar unabhägnig voneinander mit Hilfe neuester Technik anstatt im Proberaum die Songs zusammengezimmert haben, die ihren Status als einer der wichtigsten Progressive-Bands der Metal-Geschichte erneut unterstreichen. Sänger Ray Alder scheint mit jedem neuen Release besser zu werden, sein Gesang ist ganz klar einer der Hauptfaktoren, warum jeder einzelne Song auf “Darkness In A Different Light!“ überzeugt.
Das leicht verfrickelte Riffing, das nie zum Ego-Showdown verkommt, das typischste aller FATES WARNING-Trademarks also, ist natürlich vorhanden, und die Komplexität gepaart mit Abwechslungsreichtumm verhilft der Scheibe zu ihrem eigenständigen Charakter. Sowohl bei den deutlich metallischeren Songs als auch bei den ruhigeren Momenten sind es am Ende jedoch immer die grandiosen Melodien, die aus dem Werk einen Überflieger machen. Der 14-minütige Albumabschluss “And Yet It Moves“ ist dabei ein Vorzeigeobjekt des meisterlichen Songwritings. Der Song wird von einem immer wiederkehrenden Grundthema getragen, bei dem die Band die Auführung stets leicht variiert, und füllt die Spielzeit ansonsten komplett mit Twists und Breaks aus, ohne den roten Faden zu verlieren. Das groovende Riffing zu Beginn, der Hauptteil mit seiner beeindruckenden Melodeführung und der Ausflug in ruhigere Gewässer gegen Ende: Ein echter Vorzeigemoment.
Wer diesen Song gut findet, mag auch den Rest der Scheibe. Aus diesem Rest ragen neben dem ruhigen, kurzen Gänsehaut-Moment “Falling“ und dem emotionalen “Lighthouse“ vor Allem das verhältnismäßig eingängige “Firefly“, “I Am“ und “O Chloroform“ heraus, die alle anfangs irgendwie unscheinbar wirken, bei dem die Band ihr effizientes Melodiegefühl jedoch voll und ganz auslebt. Einen wirklichen Durchhänger gibt es nicht, weshalb man im Falle von “Darkness In A Different Light“ in jedem Fall von einem gelungenen Comeback sprechen muss. Eine bessere Symbiose aus Anspruch und emotionaler Zugänglichkeit wird es dieses Jahr vermutlich nicht mehr geben.

Text © by Heiko Eschenbach