Music Reviews

Rezensionen

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Norma Jean - Wrongdoers

Norma Jean - Wrongdoers

Wirklich groß wird diese Band wohl nicht mehr werden. Dennoch hat NORMA JEAN einen festen Platz in der anspruchsvollen Hardcore-Szene. Ihre Mischung aus Post-Hardcore, Härte, Technik und Alternative Rock, den sie seit "Redeemer" immer weiter verfeinern, findet stets ein paar neue Anhänger. "Wrongdoers" wird dies sicherlich auch mehr als leicht gelingen.
Für mich sind "Redeemer" und der Nachfolger "The Antimother" die mit Abstand besten Platten dieser einstigen Mathcore-Kapelle. Ihr 2010er Album "Meridonal" war mir wieder etwas zu verkopft und zu gewollt hart. Die rockigeren Momente oder jene, die eher an die DEFTONES als an alte THE DILLINGER ESCAPE PLAN erinnern, haben mir gefehlt. Was dies angeht ist "Wrongdoers" wieder mehr auf meiner Wellenlänge.
Besonders Sänger Cory Brandan liefert auf dem sechsten NORMA JEAN-Album seine bisher beste Leistung ab. Das Wechselspiel aus aggressivem Gebrüll und gesungenen Passagen, in denen Brandan nicht nur einmal wie DEFTONES-Röhre Chino Moreno klingt, ist in Nummern wie 'Hive Minds', 'Wrongdoers' oder 'Sun Dies, Moon Blood' so gut wie noch nie. Es ist sowieso komisch, dass es bei solch verkopfteren Krachcombos meist die melodischeren Parts sind, die Eindruck hinterlassen. Bei THE DILLINGER ESCAPE PLAN können die geradlinigeren Momente auch stets mehr als das größte Technikgefrickel. Zum Glück hat sich NORMA JEAN von dieser Schiene schon vor Jahren verabschiedet. Hart kann diese Truppe allerdings noch immer! Man höre nur das nach vorne treibende 'Neck In The Hemp', 'Triffids' oder 'If You Got It At Five, You Got It At Fifty'.
"Wrongdoers" ist mit Sicherheit eines der besten Werke dieser Band. NORMA JEAN vereint all ihre Trademarks zu einem mehr als homogenen Mix. Gekloppe, Gerocke, Gefrickel - es ist alles mit dabei. Kein Fan sollte sich über dieses kraftvolle Album beschweren können. Und wer diese Band noch immer nicht gehört hat, der hat nun keine Ausrede mehr.


Gibonni - 20th Century Man

Jedes Land hat so seine eigenen Stars. Wo sich im deutschsprachigen Raum Bands wie JULI, SILBERMOND, GLASPERLENSPIEL oder DIE ÄRZTE zu den Größten zählen können, kann das in Kroation zum Beispiel GIBONNI. Die letzten fünf Alben des kroatischen Soft-Rockers konnten allesamt in den Top10 des Landes einsteigen. Am Ende des Jahres reichte es für einige sogar zum Titel des am meist verkauften Albums des jeweiligen Jahres. "20th Century Man" ist nun das neueste und das erste englischsprachige Album, welches auch international vertrieben wird. Viel Pathos wird dem Hörer hier geboten. GIBONNI liefert auf seinem englischen Einstand zehn Nummern, die nicht allzu weit von erfolgreichen Künstlern wie (neueren) GENESIS, CHRIS REA oder PETER GABRIEL entfernt sind. Wilde Riffs sollte niemand auf "20th Century Man" erwarten, dafür einen satten Blues-Einschlag. Das alles und gleichzeitig nichts sagende Wort "Art Rock" könnte die Musik des Kroaten auch sehr gut beschreiben.
Rock/Pop stellt das Fundament von GIBONNI's Vision von Rockmusik dar. Angereichert von Blues, Folk und einer recht vielseitigen Instrumentierung, klingen die "20th Century Man"-Tracks zwar alle wie aus einem Guss, unterscheiden sich dennoch. So liefert er lupenreinen Blues Rock beim Opener 'Hey Crow', wenig später gibt es dann eine Ballade ('Hide The Mirror'), die auch von BRYAN ADAMS hätte stammen können. Allerdings ist da eine Sache, die sich durch alle zehn Kompositionen zieht: Pathos. Ab und an schafft es der Kroate, ein gesundes Maß zu finden, in anderen Momenten jedoch wirkt vieles schon leicht kitschig und zu viel des Guten. 'My Cloud' etwa, versucht Gänsehaut zu erzeugen, wirkt allerdings ziemlich ausgelutscht. 'She Said' und 'Nothing Changes' sind ebenfalls langweilig und zäh wie Gummi. Aber Hauptsache Pathos! "20th Century Man" ist sicherlich kein schlechtes Album. Im Südosteuropäischen Raum wird das Werk vermutlich wieder ein Hit. Ich glaube aber, dass der hiesige Markt nicht wirklich auf GIBONNI gewartet hat. Fans der genannten Acts können das Album allerdings in einem Anfall von akuter Langeweile gerne einmal testen.


Avenged Sevenfold - Hail To The King

Bis heute finde ich, dass "City of Evil" das mit Abstand beste AVENGED SEVENFOLD-Werk darstellt. Besser hat die Band ihren Soundcocktail aus Metal, Sleaze und Alternative Rock nie zusammen gebraut. "Avenged Sevenfold" und "Nightmare" sind dennoch fantastische Alben, die heute noch ordentlich Spaß machen. "Hail To The King", das bereits sechste Werk der kalifornischen Metalband, soll aber einen anderen Weg einschlagen. Von "düster" und "brutal" war im Vorfeld die Rede. Natürlich auch, dass das neue Werk das bisher beste Album darstellen soll. Na, wollen wir doch mal sehen.
Schon beim Opener 'Sheppard of Fire' bemerkt man, dass AVENGED SEVENFOLD wirklich wesentlich düsterer klingt. Midtempo-Gestampfe und drückende Gitarren dominieren nicht nur diesen Song. Diese Trademarks ziehen sich durch die gesamten 53 Minuten Spielzeit. Besonders das schwarze Album von METALLICA diente wohl als Inspirationsquelle. Anders kann ich mir nicht erklären, dass 'Sheppard Of Fire' nicht nur einmal an 'Enter Sandman' erinnert. In der Strophe von 'This Means War' könnte man direkt den 'Sad But True'-Text mitsingen, so ähnlich klingen sich die Songs. Mir persönlich kommt "Hail To The King" vor wie eine Bestandsaufnahme der Metal-Jahre 1990 bis 1992 : "Metallica", "Slave To The Grind", "No Prayer For The Dying" und "Razor's Edge" scheinen die ganz großen Einflüsse für diese zehn neuen Kompositionen zu sein.
AVENGED SEVENFOLD zeigt sich düster und rau. Alle Nummern verweilen im Midtempo und die schönen Gitarrenleads der Band fallen leider ziemlich unter den Tisch. Auch ein Kritikpunkt ist das eher langweilige Drumming. Arin Alejey, der neue Schlagzeuger und einst bei den Metalcore-Christen CONFIDE an den Kesseln, wurde im Vorfeld von seinen neuen Bandkameraden für sein technisch geniales Drumming gelobt. Auf "Hail To The King" bekommt man leider nicht viel davon mit, denn die meiste Zeit über gibt es nur "Bumm-ta-bumm-ta"-Gestampfe.
Auch den Songs selber fehlen die großen und eingängigen Hooklines ihrer Vorgänger. Man braucht schon ein paar Durchläufe, um mit Album Nummer Sechs der Jungs warm zu werden. Wie gesagt ist es ziemlich schade, dass die markanten Gitarrenleads scheinbar komplett fehlen. Die Gitarre des Titelsongs fiedelt zwar den gesamten Track über durch, kann aber nur wenig begeistern. Nach und nach aber entwickeln sich die Kompositionen dann doch: 'Doing Time' ist ein cooler Rocker, 'Heretic' stellt sich als echtes Highlight des Albums heraus, dank des eingängisten und besten Refrains der Platte. Selbst die Ballade 'Requiem' kann nach dem ein oder anderen Hördurchgang überzeugen, kommt dennoch nicht an die Klasse von 'Seize The Day', 'Dear God' oder 'Gunslinger' heran. Das abschließende 'Acid Rain' bricht dann etwas aus dem Kontext aus: Eine Klaviernummer mit leichtem Einschlag von PINK FLOYD zu "The Division Bell"-Zeiten. Mal was anderes, aber durchaus cool.
Insgesamt betrachtet wurden meine Erwartungen bezüglich "Hail To The King" nicht erfüllt. Mir fehlen die packenden Hooklines und Leadgitarren. Dennoch konnte das Album mit jedem neuen Hördurchgang zulegen und so tummeln sich doch ganz gute Songs auf dem Werk. Ganz klar ist aber, dass das nächste Album dann doch wieder mehr bieten muss.


Confide - All Is Calm

Nach gerade einmal zwei Jahren Auflösung eine Reunion zu machen, macht zumindest auf mich erst einmal wenig Sinn, ist dies doch eine gängige Zeit zwischen zwei Alben. Nun denn, die Christen-Metalcore-Band CONFIDE hat sich Ende 2012 nach einer kurzzeitigen Auflösung wieder zusammen gerauft und startet ohne ein Label noch einmal durch. Der große Durchbruch in der Szene ist den Jungs leider verwährt geblieben. Dabei ist "Recover" eine ziemlich starke Platte gewesen. "All Is Calm" ist das neue Werk und soll das Comeback darstellen.
CONFIDE setzt leider nicht da an, wo "Recover" 2010 aufhörte. Die Band klingt wesentlich poppiger, was besonders daran liegt, dass Drummer Joel Piper viel Platz für seinen klaren Gesang gelassen wird. Auch der Anteil der Elektronik hat zugenommen, auch wenn sie sich meist nur im Hintergrund aufhält. Breakdown-Fetischisten kommen allerdings immer noch auf ihre Kosten. Der Opener 'Rise Up' oder das erstaunlich flotte 'I Won't Let You Go', sollten den Jungs im Pit genug Futter geben. Gleichzeitig bekommen die Mädels im Publikum noch genug Popappeal geboten, um CONFIDE gut finden zu können.
Persönlich bin ich hin und her gerissen. "All Is Calm" hat eine Menge gure Songs wie 'Sooner Or Later', 'I Won't Let You Go', 'Rise Up', 'Move On' oder 'Unhappy Together, Unhappy Alone', dennoch kann mich das Quintett nicht ganz so mitreißen wie es der Vorgänger konnte. Der Biss der Truppe fehlt stellenweise, weil er dem klaren Gesang weichen musste. Diese Passagen sind teilweise sogar leicht schmalzig ausgefallen. Das drei Minuten lange Interlude(!) 'Give Me A Voice' etwa basiert zum Beispiel nur auf Pipers Stimme, Schmalz und Keyboards. Diese Nummer hätte CONFIDE streichen sollen, da sie so gar nicht in den Albumkontext passen will. Manchmal ist weniger dann doch mehr.
Ich freue mich, dass CONFIDE wieder Musik macht und finde "All Is Calm" auch ziemlich gut. Nur wird "Pop" in diesem Fall in Großbuchstaben geschrieben. Etwas mehr Ecken und Kanten sowie Härte hätte den Christen gut zu Gesicht gestanden.


Black Tusk - Tend No Wounds

Sludge. Mittlerweile ist es mit Sicherheit die favorisierte Metal-Spielart in der Spiegel Online Redaktion. Bands wie KYLESA, BARONESS oder NEUROSIS können sich besonders in den letzten Jahren über einen großen Zuwachs an Aufmerksamkeit und Fans freuen. BLACK TUSK hat den Sprung ins Rampenlich allerdings noch nicht geschafft. Mit einer neuen EP, "Tend No Wounds", arbeitet man weiter daran.
Nach den sportlichen 23 Minuten Spielzeit fällt eines sofort auf: BLACK TUSK hinkt ordentlich hinterher. Die Band dröhnt laut und mächtig, hier und da kommt die Liebe zu MOTÖRHEAD und Punk zum Vorschein, aber mit den anspruchsvollen Werken von BARONESS oder NEUROSIS kann diese Band noch lange nicht mithalten. Wo die Kollegen sich auf Anspruch und Vielschichtigkeit verstehen, regiert bei BLACK TUSK eher die Anspruchslosigkeit. Die sechs Songs knallen dröhnend aus den Boxen, ohne wirklich Spannendes zu bieten. Auch dreistimmiges Gebrüll reicht nicht aus um Spannung oder Neugierde beim Hörer zu entfesseln.
BLACK TUSK ist einfach da. Die Band stört keinen so wirklich, aber begeistern kann man sich auch nicht für sie. Im Sludge-Kosmos ist diese Truppe das Mittelmaß des Mittelmaßes. Keine Auswüchse nach oben oder unten, alles bleibt einer Linie treu. Soundtechnisch und kompositorisch. Für den Großteil der Gitarrenmusik-Freunde gilt: BLACK TUSK kann man ruhigen Gewissens umgehen.

Text © by Sebastian Berning

WATAIN - The Wild Hunt

Ich möchte das Fazit dieser Rezension ausnahmsweise vorweg nehmen: Anfangs hatte ich noch die Befürchtung, dass sich meine Begeisterung für das Album schon bald setzen würde, wie das oft so ist mit der Anfangseuphorie, wenn man meint, etwas Besonderes zu hören und bald feststellt, dass die gebotene Musik zwar individuell, aber auch klassisch kurzlebig daherkommt. “The Wild Hunt“ ist anders.
“The Wild Hunt“ wächst in den Himmel und ist auch nach dem 50. Durchlauf noch genau das Monster, als das man es ab Durchlauf eins betrachtet hat, und dieser gute Eindruck steigert sich zur Erkenntnis, dass das viel zu oft verwendete Wort “Meisterwerk“ hier endlich mal wieder angebracht ist. Das, was die Schweden auf ihrem neuen Album zelebrieren, ist natürlich eine Katastrophe für die hingebungsvollen True-Black-Metaller, und das kann man vollkommen wertunsgfrei so stehen lassen. Für alle, die in ihrem Black Metal Kunst, Schwärze, Mut, Leidenschaft und Vielseitigkeit haben wollen, ist “The Wild Hunt“ aber eine Offenbarung. WATAIN gehen genau die Schritte, die andere sich nicht trauen, und sie sind bei aller nachgesagten ideologischen Zwiespältigkeit von höchstem musikalischen Wert. Die bösen Höllenritte, die auf den Vorgängern zu finden waren, sind immer noch vorhanden, eingebettet in eine Produktion, die hohen Ansprüchen genügt und mit einer Deatilversessenheit, die dem Album zu ihrer Brillanz verhilft. Nach dem Intro stürzt der Opener “De Profundis“ mit wilder Besessenheit über den Hörer her und setzt zunächst da an, wo WATAIN mit ihrem letzten Album aufgehört haben. “Black Flames March“ zitiert klassischen Metal, und präsentiert abgrundtiefe Düsternis, die nach Tempeln, Höhlen und verrohter Welt klingt. “All That My Bleed“ und “The Child Must Die“ gehen auch textlich genau dahin, wo der Pöbel seine Grenzpfeiler schon lange nicht mehr überblicken kann, schmerzen und tun weh, bleiben dabei aber immer kunstvoll gestaltete Songs, deren krankes Element nie zum Selbstzweck verkommt. Das ungeheuer fiese “Sleepless Evil“ ist mit seinen Wechseln aus rasanten Abfahrten, bedrohlicher Schwere und gemeinem Gesang womöglich das Highlight der extrem-aggressiven Seite des Albums. Doch “The Wild Hunt“ zieht seine Stärke vor Allem aus den Kontrasten, denn “They Rode On“ ist eine durchweg ruhige und hochemotionale Nummer, die nach Sehnsucht, Durchhaltevermögen und Fernweh klingt, und bei der Sänger Erik würdevoll nach Veränderung und persönlicher Freiheit ruft.
Der Titelsong mit seinen epischen Chören und epischen Melodien lässt in all der Schwärze und Dunkelheit ein bisschen Schönheit und Grazie durchschimmern, “Outlaw“ geht eher den klassischen Weg und überrascht mit ausgefeilten und filigranen Soloparts und das abschließende “Holocaust Dawn“ ist eine Verneigung vor den eigenen Stärken und präsentiert die neu gefundene Vielseitigkeit WATAINS zusammengefasst in einem schleppend-apokalyptischen Finale. Wer zwischen all dem Anspruch noch stilfremde Einflüsse wie Indianergesänge, lateinamerikanische Instrumentierung und ein nach Weltmeerromantik klingendes Akkordeon entdeckt wird vielleicht nicht jede Idee einfach abnicken, aber dennoch feststellen, dass für WATAIN die Musik im Vordergrund steht. Der Wille, sich selbst herauszufordern, und das zu tun, was sich richtig anfühlt. Vorbildich im Sinne der künstlerischen Freiheit, ohne die Hingabe der Fans und deren Wünsche und Sehnsüchte zu ignorieren. “The Wild Hunt“ gibt dem Hörer nie das Gefühl, dass ein Moment zu exzessiv zelebriert wird, erfordert mehrere Hördurchgänge vor Allem dann, wenn man bestimmte großartige Augenblicke nochmal erleben will, und ist wegen seiner musikalischen Klasse eines der ganz großen Genre-Highlights nicht nur des Jahres, sondern seit sehr langer Zeit. WATAIN legen mit diesem Album eine Messlatte, an der sich nicht nur sie selbst, sondern auch die Konkurrenz in Zukunft messen lassen muss. Zumindest wenn man Black Metal nicht mit den Ohren von Fenriz oder Mühlmann hört.

Text © by Heiko Eschenbach