Music Reviews

Rezensionen

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GNARWOLVES - Gnarwolves

GNARWOLVES - Gnarwolves

Die Briten Gnarwolves spielen eine wilde und räudige Variante von Skate-Punk und integrieren die obligatorische, wütende Hardcore-Note ebenso in den Sound wie eingängige Melodien der Pop-Punk-Schule. Der Schwerpunkt liegt ein wenig stärker auf der Härte als auf dem Hitsongwriting, die Punkattitüde, also die Unbekümmertheit und Spontanität schimmern in jedem Moment ganz deutlich durch.
Wie erwartet, bleiben technische Kabinettstückchen natürlich außen vor. Anspruch, instrumentale Achterbahnfahrten, Soli, alles Fehlanzeige, sicher aber auch nicht das, was die Zielgruppe hören will. Dem Debütalbum der Band fehlen die wirklich herausragenden Songmomente, die aus einem guten Album ein sehr gutes machen, für ein paar wilde Stunts an der Halfpipe reichen die Nummern jedoch allemal aus, und dass die Band die Prinzipien ihrer Vorbilder verinnerlicht hat, steht ebenso außer Frage.
"Gnarwolves" bietet gutklassigen, angriffslustigen Hardcore-Punk, der in seinen besten Momenten ein wenig den Spirit der Suicidal Tendencies atmet. Für Gelegenheitshörer ist das eher nichts, Genrefans werden an dem Werk aber durchaus Gefallen finden.

Samsara Circle - Sanctum

Samsara Circle - SanctumSamsara Circle aus Düsseldorf gehen den richtigen Weg und veröffentlichen ihr erstes Lebenszeichen als kompakte EP mit 30 Minuten Spielzeit und umgehen damit die Gefahr einer allzu frühen Übersättigung. Ihre Musik ist eine moderne Metal-Variante, deren Kombination aus Härte und Melodie zwischen Melodic Death und Metalcore einzuordnen ist. Die Keyboards werden als melodisches Element und weniger als Effektmittel eingesetzt, der Gesang bietet zwar das übliche Melodie/Gebrüll-Wechselspiel, auf allzu klischeehaftes 0815-Songwriting verzichtet die Band aber und gestaltet ihre Songs beinahe mit progressiver Note.
Beinahe alle Songs besitzen überraschende Wendungen und Details, das Melodiegefühl von Samsara Circle ist bemerkenswert. Die Band ist immer dann am besten, wenn sie ihr kompositorisches Talent über den (durchaus auch vorhandenen) Standard-Breakdown stellt und ihren Ideen freien Lauf lässt. Dabei wirken die Songs trotz der aufwändigen Arrangements nicht überfrachtet, sondern durchdacht und frisch. Gitarrensoli sind ebenso Teil des professionell produzierten Debüts, wie unvorhersehbares Stop-and-Go-Songwriting, bei dem sich alle Bandmitglieder sozusagen in den Dienst des Songs stellen. Das abschließende "A Fire On The Ocean's Ground" ist ein überaus stimmiges siebenminütiges Epos, dessen einziges Manko tatsächlich darin liegt, dass er die Scheibe nicht eröffnet. Samsara Circle gehören zu den Bands, die sich ein solches Statement gerne trauen dürfen.
Ein vielversprechender deutscher Newcomer also, der sich, so baukastenmäßig es klingen mag, vom Einheitsbrei abhebt, und von dem wir in Zukunft sicherlich noch Einiges hören werden.


Hindsights - Cold Walls/Cloudy Eyes

Die britischen Newcomer Hindsight spielen eine Musik, die vor fünf bis zehn Jahren im Emo-Fahrwasser ziemlich wahrscheinlich erfolgreich gewesen wäre. Typisch für ein Debüt, das nicht von einer jener seltenen Sorte Bands stammt, die schon mit ihrem ersten Lebenszeichen neue Welten eröffnen, ist das Songmaterial gut und stilistisch vertraut, aber auch recht unspektakulär. Die Songs bewegen sich in Richtung melodischerer Funeral For A Friend, bei dem die Melodic Punk-Einflüsse von US-Bands wie Blink 182, Green Day und Co. zwar angedeutet, aber nie vollends durchgezogen werden. Hindsight bevorzugen die etwas gemächlichere Variante und bauen ihre Musik auf einer überschaubaren Zahl von Akkorden auf. Der Gesang wirkt stellenweise etwas bemüht, vor Allem in den mittleren Tonlagen, ist insgesamt aber durchaus in Ordnung. Typisch für diesen Sound ist auch der Mangel an Tiefgang. Zwar versucht die Band, durch Intensitätswechsel zwischen Strophe und Refrain dem Problem der Gleichförmigkeit Herr zu werden, wirklich überzeugend gelingt ihr das jedoch noch nicht. Für herausragende Hits ist es bei Hindsight noch zu früh, weshalb es außer für ein anerkennendes Nicken noch für keine weiteren Begeisterungsstürme reicht.
"Cold Walls/Cloudy Eyes" ist ein nettes Album für die Zielgruppe, songtechnisch aber Durchschnitt in allen Belangen.


KARIES - Seid umschlungen Millionen

Der Schiller zitierende Albumtitel lässt womöglich philosophisch hochwertiges erwarten, der Bandname lässt eher Fragezeichen zurück und ich frage mich insgeheim plötzlich, was wohl aus Baktus geworden ist. Richtig ist keiner der Rückschlüsse. Karies spielen einen deutlich von den frühen 80ern beeinflussten Sound, der von der ersten Sekunde an die Großen der Post-Punk-Szene zitiert. Killing Joke sind eine deutliche Referenz, aber auch die Helden der frühen Neuen Deutschen Welle - die gefährlichen, düsteren wie Abwärts oder DAF wohlgemerkt, nicht der kommerzielle Schlonz, der sich in den Charts nach oben katapultierte.
Die Songs machen durchaus Eindruck, eine größere Nähe zu den Klassikern aus der damaligen Zeit hat man in dieser Qualität lange nicht gehört. Die Musik klingt nach Kaltem Krieg, nach politischer Wende und nach hoffnungsloser Jugend. Das geringe Alter der Musiker kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sorgen und Ängste all derjenigen, die sich damals ihren Frust von der Seele schreien mussten, irgendwie bis in die Neuzeit überlebt haben. Karies als reine plakative Kopie abzutun wäre ungerecht, dazu klingt das Songmaterial zu homogen und authentisch.
Das mechanische und leicht rezitative Element, das bei dieser Musik so wichtig ist, wird von der Band geschickt eingesetzt. Nerven zerfetzend und düster, immer bis zur Grenze des erträglichen, aber nie darüber hinaus. Die textliche Komponente bewegt sich auf dem offenbar sehr schmalen Grad zwischen Abstraktheit und primitivem Plakatismus. Der einnehmende, kalte Sound ist variabel Arrangiert, kann einem mit Highspeed auf der Überholspur jegliches Zeitgefühl rauben, oder sich langsam und bedrohlich vor einem Aufbauen. Übrig bleibt am Ende ein erwähnenswertes Stück Musik, das sogar ein bisschen aufzeigen kann, woran es der heutigen Kunst oft mangelt: An emotionalen Abgründen, die niemand besser kennt, als die Menschheit.


HOSTAGE CALM - Die On Stage

Hostage Calm aus Boston spielen kommerziellen und sehr eingängigen Pop-Hardcore, der die stilistischen Elemente von Bands wie A Day To Remember oder Story Of The Year noch ein Stück weiter treibt und vor sechs bis acht Jahren im Emo-Fahrwasser ordentlich hätte mitschwimmen können. Die Band schafft es dabei stellenweise, ihre Songs mit gelungenen Hooklines auszustatten und dürfte rein qualitativ durchaus zum oberen Drittel der Szene gehören.
Textlich will man sowohl menschliche Emotion als auch Sozialkritik in seinen Songs verarbeitet haben, was bei dieser Art Musik allerdings eher eine Standardfloskel sein dürfte. Allzu genaues Hinhören dürfte das Kitschometer verdächtig in den roten Bereich ausschlagen lassen, was angesichts der sehr jugendlichen Musik jedoch kaum verwundert. Von einigen arg klebrigen Keyboard-Momenten mal abgesehen erfüllt die Musik sicher die Ansprüche der Zielgruppe, auch wenn "Die On Stage" schon zu den bravsten und ungefährlichsten Rock-Veröffentlichungen des Jahres gehören dürfte. Band und Label umschreiben diese Eigenschaft als "Romantik". Das zuckersüße Songwriting ist jedoch in erster Linie fröhlich und in seiner Farbgebung sehr hell und sehr pink. Wer Billy Talent zu ernsthaft und depressiv findet, kann mit Hostage Calm warm werden. Kompositorisch ist das Material gut genug. Der geneigte Rockfan wird sich mit Scheu abwenden, was die übersichtliche aber vorhandene Zielgruppe jedoch kaum stören wird.


See Through Dresses

See Through Dresses klingen auf ihrem Debütalbum ein bisschen so wie The Cure, wenn diese sich in den Neunzigern gegründet hätten, also ohne die ganz große Verzweiflung und den Post Punk-Aspekt der Frühphase, aber mit dem gleichen Maß an Distanziertheit, das auch Songs wie zum Beispiel "Lullaby" ausmacht. Dass die Klasse der Vorbilder nicht ganz erreicht wird, ist klar, ebenso, dass Robert Smith und Co nicht der einzige Einfluss der Band sind. Der Gitarrensound sorgt für eine vordergründig recht düstere Atmosphäre, die zahlreichen Post-Rock-Bands zur Ehre gereichen würde. Diverse kurze Noise-Eruptionen sorgen dann auch für ein dezentes Maß an Aggressivität. Den Gesang teilen sich Mathew Carrol und sein weiblicher Gegenpart Sara Bertuldo, was für ein bisschen Abwechslung sorgt. Die Durchweg eher negative Stimmung schlägt dennoch sicherlich nicht nur Zartbesaiteten aufs Gemüt, denn wo die großen Vorbilder mit geschickt eingebauten Stimmungsaufheller punkten, sind die Ausflüge ins Positiv-Poppige bei See Through Dresses ("Glass") eher bemüht. Das macht das Debüt der Band zu einer auf Dauer recht anstrengenden Angelegenheit, weil echte Hits oder herausragende Momente ebenfalls fehlen. Die konsequente Stimmung ist jedoch auch ein Vorteil, der sich auf späteren Alben zum Privileg ausbauen lässt, wenn die Band den Albumflow und die Stimmigkeit im Aufbau beibehält. "See Through Dresses" ist sicherlich kein Überflieger, der alles in den Schatten stellt, ein vielversprechendes Statement ist das Album aber in jedem Fall.


Text © by Heiko Eschenbach