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BEHEMOTH, CRADLE OF FILTH, In Solitude, Inquisition

15. Februar 2014, Bochum, Matrix

BEHEMOTH, CRADLE OF FILTH, In Solitude, Inquisition

Für die polnischen Black-Metaller Behemoth könnte es kaum besser laufen als derzeit: Ihr aktuelles Album “The Satanist“ kommt in der Szene bestens an und verleiht der ohnehin schon sehr populären Band um Oberdämon Nergal einen ungeahnten Attraktivitätsschub. Auf der gemeinsamen Tour mit den britschen Gruselbarden von Cradle Of Filth teilen sich beide Bands die Headliner-Position und tauschen von Abend zu Abend den Platz im Billing. Heute sind Cradle nur zweite Wahl, was sich auch anhand der Show argumentativ begründen lässt.

Die Kolumbianer Inquisition machen für ein Duo erstaunlich viel Radau, und ihr kauziger Black Metal klingt weit weniger rumpelig, als zu erwarten war. Insgesamt ist das Songmaterial, das wie eine weniger kalte, sprich südamerikanische Version von Immortal klingt aber zu gleichförmig, um über die gesamte Spielzeit zu begeistern.

Die Schweden In Solitude haben es sich im Zuge des gerade aufkeimenden Goth-Revivals mit ihrem aktuellen Album “Sister“ recht bequem gemacht im Fahrwasser zwischen King Diamond und dem 80er-Jahre-Düstersound. Fast das gesamte Set der Band besteht konsequenterweise aus Songs dieser Scheibe, mit Ausnahme des abschließenden “Witches Sabbath“ vom Debüt. Die Band agiert live noch eine ganze Ecke kantiger als auf den Studioaufnahmen, und besonders im hinteren Teil der langgezogenen Matrix überschlägt sich der laute Sound schon gerne mal. Insgesamt aber ein übrzeugender Auftritt, der stilistisch nicht unbedingt in den Abend passt, andererseits aber ein bisschen melodische Abwechslung zum ansonsten betont harten Programm bietet.

Cradle OF Filth dürfen heute sozusagen den Co-Headliner machen und erledigen diese Aufgabe trotz fehlender Stammformation souverän. Entgegen meiner Erwartungen sprudelt der Band keinerlei Unmut entgegen, ein großer Teil der Anwesenden feiert die Songs der Band mit Hingabe. Hass und Widerstand hätte die Band auch nicht verdient: Nicht nur Fronter Dani Filth macht mit seinem markerschütternden Gekreische eine gute Figur, zumal ihm über die volle Distanz niemals die Energie zu schwinden scheint. Die Begleitband sorgt für ein rundes Gesamtbild, insbesondere die Keyboardin, die bei “Nymphetamine“ auch den weiblichen Gesangspart sowie das ein- oder andere Intro übernimmt, bietet der männlichen Fanschar auch etwas fürs Auge. Erfreulich: Die Band passt ihren Set dem Motto des Abends an und spielt besonders viele Klassiker aus der Frühphase. Das “Cruelty And The Beast“-Album kommt genauso zum Zuge wie der Titelsong von “The Prinicpal Of Evil Made Flesh“. Der Bandhit “Her Ghost In The Fog“ beschließt den regulären Set, bevor die Band mit de Fan-Favoriten “Funeral In Carpathia“ nochmals die Sympathien auf ihre Seite zieht.
Der Cradle Of Filth-Gig verkommt nicht zum Kasperltheater der reinen Sorte, auch wenn man auf die Maskerade und das Gruselimage nicht stehen muss. Im Publikum herrscht zum ersten Mal an diesem Abend jene düstere, unheilvolle Stimmung, die man sich beim Weg in die Matrix eigentlich erst ab dem Headliner wirklich versprochen hat.

Dass Behemoth wie eingangs erwähnt die Black Metal-Band der Stunde sind, ist schon ab stimmungsvollen Intro zweifellos klar. Die Polen beweisen über 90 Minuten, warum auch Black Metal eine große, epische Show haben darf, ohne, dass der Vorwurf von Ausverkauf und Kommerz Gültigkeit hat. Diese Art von Musik muss nicht primitiv und billg sein, es genügt eine gehörige Portion Überzeugung und Macht, und schon ist auch eine High-End-Qualität ein Garant für wohlige Düsternis. Die Fackeln, die während des Intros gezündet werden, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier eine Band am Werk ist, die Wert auf ein stimmiges Gesamtbild legt. Schon beim Opener “Blow Your Trumpets Gabriel“, dessen mächtiges Riff sich wie der Donnergroll der Apokalypse durch die Bochumer Röhre schiebt, brennt ein infernalisches Höllenfeuer, dessen Intensität während des Gigs noch zunimmt. Die niedrige Decke der Matrix bläst die Rauchsäulen auf der Bühne in das besessene Publikum zurück, ein Effekt, der jenes Showelement noch martialischer wirken lässt. Die Feuersäulen überlagern die Matrix mit durchdringendem Schwefelgeruch, während der Drummer auf seinem Podest und im Angesicht der auf ihn gerichteten Scheinwerfer ein erfreulich präsenter Teil des Konzertes ist. Behemoths Sound ist mächtig, aber nicht übertrieben laut, und die tiefschwarzen Songs, die wie ekstatisch zwischen höllischem Midtemppgroove und mörderischem Blastbeat schwanken, entfachen die Flamme an der dunkelsten Seite des menschlichen Daseins. Wenn Behemoth “Christians To The Lions“, “Conquer All“ oder Songs der aktuellen Scheibe wie den Titelsong “The Satanist“ oder das alle Ketten sprengende Ungeheuer “Furor Divinus“ ins weite Rund feuern, dann liegt über der Szenerie ein schwarzer, schützender Mantel, der den Anwesenden eine böse aber positive Energie verleiht, die draußen, in der realen Welt nicht existent zu sein scheint. Immer wieder heulen dabei die Trompeten, leuchten Feuer und ertönen Schreie, und selbst bei der recht rockigen und sehr eingängigen Schlussnummer “O Father, O Satan O Sun“ steht allen Beteiligten noch die gerade erlangte Kraft in den Gliedern. Mögen Kirchenvereinigungen und selbst ernannte “Schützer unserer Kinder“ auch weiterhin das Antlitz Satans in diesem Teufelszeug erkennen, Konzerte wie die von Behemoth sind am Ende nichts weitere als Kraft spendende und Mut machende Machtdemonstrationen. Weit mehr also, als für unsereins der sonntägliche Gottesdienst.


Text © by Heiko Eschenbach